Armut: Erneute Selbsttötungen in Rumänien und ein Lied an die Schuldigen: „Ich will, das ihr Schmerzen spürt“

Das kapitalistische System treibt jeden Tag weitere Menschen in den Tod. Verzweiflung und Perspektivlosigkeit sind besonders in Rumänien weit verbreitet, auch wenn viele Menschen hier nicht darüber sprechen. Rumänien ist ein Land ohne offene gesellschaftliche Diskussion. Dominierend sind der orthodox-christliche Glaube, der in seiner ganzen Art ausschließlich unterdrückerisch wirkt, gesellschaftliche Realitäten ignoriert und alles was geschieht als den „Willen Gottes“ darstellt. Die Presse ist von willfährigen Schreibern gekennzeichnet. Nur selten findet man ein Wort der Kritik an den Zuständen, welches die wahren Verursacher der Probleme benennt. Seit Beginn der Wirtschaftskrise hat sich die Situation für Lohnabhängige, Erwerbslose und Kranke abermals deutlich verschlechtert. Ein Auskommen ist kaum mehr möglich. Diese Ausweglosigkeit der Situation führt nahezu täglich zu Selbsttötungen.

In Mioveni, der Industriestadt in welcher Dacia einen Großteil seiner Autos produziert, hatte sich letzte Woche eine 63-jährige Frau erhängt, die nicht mehr in der Lage war Schulden und Raten abzuzahlen. Iulia Răduleasa war nicht mehr in der Lage den Forderungen nachzukommen. In der lokalen Boulevard“zeitung“ „TOP“ wird nun noch nachträglich über sie hergezogen. Sie hätte „alles Geld beim Roulett spielen verloren“ und „natürlich könne kein Priester auf ihrer Beerdigung sprechen, da sie selber Hand an sich gelegt habe“. Kritik an der Verarmung großer Teile der Bevölkerung, der deutlichen Zunahme der Unterhalts- und Lebensmittelkosten findet sich nicht. Ein Zusammenhang wird gar nicht erst hergestellt.

Zwei Tage vor Iulia Răduleasa erhängte sich der 32-jährige Robert Lucian Smadea mit einem Elektrokabel in Campulung. Um seine Brust hatte er eine kleine Notiz gebunden: „Bitte sagt meinem Vater das ich tot bin“. Auch er hatte finanzielle Probleme.

Alle diese Menschen könnten noch Leben wenn es statt des Kapitalismus eine menschenwürdige, freie Gesellschaft geben würde! Tun wir unser bestes dafür.

Tod dem Kapitalismus!

Ein Lied an die Schuldigen

Die im Land besonders bei den jungen Leuten populäre Hip- Hop Formation Parazitii (Die Parasiten) hat ein Lied über dieses Elend geschrieben. „Vreau sa va doara“ – „Ich will das ihr Schmerzen spürt“ richtet sich direkt an die Verantwortlichen.

Hier eine deutsche Übersetzung des Liedtextes.


Ich will dass ihr Schmerzen spürt

Wir kommen von den Randgebieten der Stadt

Tragen die Baseballschläger um euch zu treffen und den Kopf zu zerschlagen

Wir haben genug vom Warten und vom Spüren der Stacheln und Nadeln

Wir haben seit wir Kinder waren gelernt dass es keine Rechte für uns gibt

Ihr seid es, die die Kinder der Armen ohne Zuhause aufwachsen lassen

Ihr könnt alles von uns nehmen; wir werden auch nackt noch gegen euch stehen

Ihr legt eure Schwänze in die Sonne und schmiert die Sonnencreme darüber

Während die euch wählten im Meer des Elends schwimmen

Der einfache Mann ist zum Fraß vorgeworfen bis nur noch die Knochen übrig sind

Und alles was ihr gewöhnlich versprecht war nichts als Lügen

Ihr verlangt dass wir geduldig sind, das sind wir auch, doch wisst ihr was?

Wir vergeben nicht was ihr getan habt, lasst das jemand anderen tun!

Ihr liegt entspannt am Strand während ihr unser Geld ausgebt

Und ihr vergesst das viele die euch wählten sterben

Es tut weh…ihr seit die versteckten Hyänen

Wer hat Spaß daran uns mit Hoffnungslosigkeit zu füttern

Wir verlangen Gerechtigkeit vom Himmel, doch wer wird geschickt?

Solltest du da oben sein, Gott, vergib mir, ich bin verdammt….

Ref.:Ich will eure Münder geschlossen sehn, ich will das ihr Schmerzen spürt.

So dass ihr uns nur noch mit euren Augen zum letzten mal anlügen könnt.

Realisiert wir sind hier,

Ihr Politiker, Mörder und Henker

Ihr feiert das neue Jahr direkt nach Ostern

Denn Weihnachten ist nichts als ein Witz

Ihr kaut Kaugummi und schaut den Menschen beim sterben zu

Der Stress erreicht euch nicht hinter dem Zaun in eurem Zoo

Zu viele Rumänen hoffen auf den Lotterie-Gewinn

Wann haben die Armen endlich genug nur auf ihren Tod zu warten?

Und von der Hoffnungslosigkeit der Kinder die sich an den Zimmerdecken erhängen

Die Reichen lächeln darüber und nehmen noch was Dope

Voll von falschem Beileid wenn der Winter Einzug hält

Die einzig wahre Hölle ist hier auf Erden, wir sind ihre Bewohner

Durch Regen und Sturm wurden wir verdammt widerständig zu allen Zeiten

Ihr baut kalte Kirchen wenn die Wohnungsnot vorhanden ist

Denn Schulen und Unterkünfte bringen euch kein Geld ein

Gott ist mit uns, wenn wir durch den Müll wühlen

Wir bekommen im väterlichen Ton gesagt dass wir schlecht sind

Politik ist schön, ihr trinkt den ganzen Tag Champagner

Warum habt ihr es ins Parlament geschafft und seit nicht während der Wahlkampagne gestorben?

Die Menschen fragen euch „Wann“?

Ihr sagt, es ist „nicht so bald“

Und bekommt nur ne Erektion wenn ihr den Stuhl unter eurem Hintern spürt

Wir atmen und sind nur von Belang wenn ihr unsere Stimme braucht

Und wir sind sehr dumm wenn wir sagen „Lasst es uns noch einmal versuchen“

Wir existieren nur in Statistiken, nicht einmal bei Befragungen

Und wir können gerade nur noch knurren wenn ihr etwas von uns nehmt

Ref.: Ich will eure Münder geschlossen sehn, ich will das ihr Schmerzen spürt

So dass ihr uns nur noch mit euren Augen zum letzten mal anlügen könnt.

Realisiert wir sind hier,

Ihr Politiker, Mörder und Henker

Informationen zu den Selbsttötungen in rumänischer Sprache:

http://www.ziarultop.ro/fapt-divers/s-a-spanzurat-din-cauza-datoriilor.html

http://www.ziarultop.ro/fapt-divers/spuneti-i-lui-tata-ca-am-murit.html

Erstveröffentlichung am 1.10.2009 auf Syndikalismus.tk

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