„Nichts und niemand wird vergessen“: Kapitalismus mordet: Mutter tötet sich für ihre Familie

Aus Papiermangel hat Alexandra Ceausu ihren Abschiedsbrief auf die Akte der Sport-Psychologie geschrieben.

Zu Beginn der letzten Woche ging eine erschütternde Meldung durch die rumänische Presse. In Bascov, einem Vorort der Industriestadt Pitesţi ca. 130KM von Bukarest entfernt, warf sich eine Frau vor den fahrenden Zug. In einem zweiseitigen Abschiedsbrief an ihre Familie, aus Papiermangel auf dem Unterrichts-Bogen der Sport-Psychologie verfasst, schreibt sie in tief bewegenden Worten ihre Beweggründe nieder – wachsende Armut, Perspektivlosigkeit und vor allem die Angst vor einer ungewissen Zukunft für ihren Mann und ihre Kinder. Sie schreibt: „Der Hunger ist nicht mehr zu stillen. Ich habe Angst vor dem Hungertod.“

Alexandra Ceausu, die diese Zeilen schrieb wurde 51 Jahre alt. Als gelernte Französisch-Lehrerin wurde sie nach der sog. Revolution von 1989 erwerbslos. Nirgendwo war eine Anstellung zu finden. Ihrem Ehemann, einem Mathematik-Lehrer, erging es ebenso. Auch seine Qualifikationen waren nirgends gewünscht. Daraufhin beschloss er, wie so viele Rumänen, ins Ausland zu gehen und dort zu arbeiten um Geld für die Familie zu verdienen. Mehrere Monate arbeitete er dort und wurde, wie ebenfalls so viele, um seinen Lohn betrogen. Die Kapitalisten nutzten ihn aus und ließen ihn kostenlos für sich schuften. Ohne Geld, körperlich erschöpft und mit einem wachsenden, bösartigen Magengeschwür kehrte er zurück. Das Magengeschwür machte ihn Arbeitsunfähig. Die nötigen Behandlungskosten sind immens. Nicht nur die Behandlung an sich kostet viel Geld, auch die nötigen Bestechungsgelder, die Şpaga, ohne die weder Krankenschwester noch Arzt einen Patienten in der Regel überhaupt erst anschauen sind sehr hoch.

Die Familie verschuldete sich um die Raten für die Behandlung aufbringen zu können. Alexandra fand einen Job als Putzfrau in der Bazei Nautice in Bascov, dem „Hafen“ in Bascov. Dort verdiente sie 500 Lei, umgerechnet knappe 117 Euro. Mit diesem Geld musste die vierköpfige Familie auskommen. Zusammen mit ihrem Ehemann hat Alexandra Ceausu zwei Kinder im Alter von 14 und 18 Jahren.

„Alles sind finanzielle Probleme“ schreibt sie in ihrem Abschiedsbrief.

Das wenige Geld ist sofort aufgebraucht um das allernötigste zu bezahlen. Und die Preise für Lebensmittel, Energie, Wasser sind seit Jahren stark ansteigend. Die staatliche „Arbeitslosenhilfe“ besteht allermeistens nur auf dem Papier und um sie zu bekommen gilt es etliche bürokratische Hürden zu nehmen.

Um einen Ausweg aus dieser Situation zu finden wächst in ihr ein rationaler Gedanke – geboren aus der Verzweiflung. Und irgendwann fällt Alexandra eine Entscheidung. Wenn sie tot wäre, hätten die Kinder ein Anrecht auf eine Halbwaisenrente und ihr Ehemann Anspruch auf Hinterbliebenenrente.

Zusammen mehr als die 500 Lei die sie verdient, und welche auch nicht vollständig in Geld ausgezahlt werden, sondern in Form von Tickets de Masa, Essensgutscheinen im Wert bis zu 7 Lei, die man in bestimmten Lebensmittelgeschäften einlösen muss.

Anfang des Monats September wirft sich Alexandra Ceausu vor einen Zug und macht ihrem Leben ein Ende.

Reporter verschiedener Zeitungen befragen in den folgenden Tagen die Nachbarn der Familie, die von der Selbsttötung ihrer Mutter und Frau niedergeschlagen ist. Die meisten finden warme Worte für sie, erzählen von ihrer Hilfsbereitschaft und das sie wundervolle Poesie verfasste. Doch mischen sich in diese Worte auch die Stimmen der dominierenden religiösen, christlich-orthodoxen Doktrin. „Sie ist eine Selbstmörderin, sie wird in der Hölle schmoren“. „Kein Priester wird an ihrem Grab sprechen“. Nach Auffassung der orthodoxen Kirche ist die Selbsttötung eine der größten „Sünden“. Denn nur „Gott ist erlaubt, das Leben zu nehmen“. Einmal mehr zeigen die Gläubigen Orthodoxen welch menschenfeindliche Ideologie ihnen eigen ist.

Natürlich gibt es viele Stimmen, die die Realität nicht sehen wollen und leugnen. Die ihr oder ihrem Mann die Schuld an Not und Elend geben und den Zusammenhang mit dem Kapitalismus ableugnen. Juristisch ist der Kapitalismus natürlich auch völlig Unschuldig. Er hat eine weiße Weste. Schließlich hat sich Alexandra Ceausu selber vor den fahrenden Zug geworfen. Aber ihr Grund dafür ist die kapitalistische Realität. Und jeder der sehen will, der sieht. Wir wissen wer Schuldig ist. In einer freien Gesellschaft ohne kapitalistische Ausbeutung und Armut würde Alexandra Ceausu noch leben und könnte ihre Fähigkeiten zum Wohle aller einsetzen und das Leben mit ihrem Mann und ihren Kindern genießen. Materielle Sorgen würde es in einem anarchistischen Rumänien nicht geben. Das Land ist reich an Naturprodukten. Niemand müsste aufgrund dessen Leiden. Die Gesundheitsversorgung wäre kostenlos.

Schuld an ihrem Tod ist diese ekelhafte und verachtenswerte kapitalistische Anti-Gesellschaft, die nur zum Nutzen und Profit der Reichen existiert.

Alexandra Ceausu – du wirst nicht vergessen!

Den mörderischen Kapitalismus zerstören!

Für die Beerdigung haben die KollegInnen der Baza Nautica Geld gesammelt. Die Familie kann die Kosten der Beerdigung selber nicht aufbringen.

Ştefan Gheorgiu

Erstveröffentlichung am 15. September 2009 auf Syndikalismus.tk

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